... trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (German Edition) by Frankl Viktor E

... trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (German Edition) by Frankl Viktor E

Author:Frankl, Viktor E. [Frankl, Viktor E.]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Random House DE
Published: 2010-12-08T23:00:00+00:00


Gereiztheit

Soviel zur Kennzeichnung der Apathie, der Abstumpfung des Gemüts, die sich des Häftlings während der Zeit seines eigentlichen Lageraufenthalts bemächtigt, sein seelisches Leben im allgemeinen auf ein primitiveres Niveau herabsinken läßt, ihn zum willenlosen Objekt des Schicksals oder aber der Willkür der Lagerwache macht und schließlich eben dazu führt, daß er davor eine Scheu empfindet, selber sein Schicksal in die Hand zu nehmen, also Entscheidungen zu treffen. Die Apathie hat nun auch andere Ursachen, ist also nicht nur im besprochenen Sinne eines Selbstschutzmechanismus der Seele zu verstehen. Sie hat auch körperliche Ursachen. Ebenso wie die Gereiztheit, die – neben der Apathie – eines der hervorstechendsten Merkmale der Häftlingspsyche darstellt. Unter der Reihe der körperlich verursachenden Momente stehen nun an erster Stelle: der Hunger und der Schlafmangel. Schon im normalen Leben machen beide, wie jeder weiß, den Menschen apathisch und gereizt. Im Lager ist der Schlafmangel zum Teil darauf zurückzuführen, daß – entsprechend der unvorstellbaren Belegungsdichte in den Baracken und dem denkbar größten Mangel an Hygiene – eine arge Ungezieferplage herrscht.

Zu der so entstehenden Apathie und Gereiztheit tritt aber noch ein weiteres ursächliches Moment hinzu: der Fortfall jener Zivilisationsgifte, welche normalerweise eben Apathie und Gereiztheit zu mildern die Aufgabe haben -, der Fortfall von Nikotin und Coffein! So wird die Apathie und Gereiztheit nur noch gesteigert. Zu diesen Ursachen vom Körperlichen her treten dann aber auch noch die seelischen Grundlagen dieser eigenartigen Gemütsverfassung des Lagerhäftlings hinzu, und zwar in Form gewisser »Komplexe«. Die Majorität der Häftlinge ist begreiflicherweise von einer Art Minderwertigkeitsgefühl geplagt. Jeder von uns war einmal »Jemand« oder glaubte zumindest, jemand gewesen zu sein. Jetzt aber, hier, wird er buchstäblich so behandelt, als ob er ein Niemand wäre. (Daß ein in wesentlicheren Bereichen, im Geistigen verankertes Selbstbewußtsein durch die Situation im Lager nicht zu erschüttern ist, ist klar; aber wie viele Menschen, und auch wie viele Häftlinge, haben schon ein derartiges gefestigtes Selbstbewußtsein?) Ohne viel darüber nachzudenken, ohne daß es ihm weiter zu Bewußtsein käme, fühlt sich der durchschnittliche Lagerhäftling naturgemäß vollständig deklassiert. Dieses Erlebnis wird aber eigentlich aktuell erst durch die Kontrastwirkung, die sich aus der eigenartigen soziologischen Struktur des Lagerlebens ergibt. Ich denke nämlich hierbei an jene Minorität von Häftlingen, die sozusagen als Prominente galten, an die Capos und Köche, Magazinverwalter und »Lagerpolizisten« – sie alle kompensierten das primitive Minderwertigkeitsgefühl; sie fühlten sich im allgemeinen keineswegs deklassiert wie die »Majorität« der gewöhnlichen Häftlinge, sondern nachgerade – arriviert. Ja, sie entwickelten mitunter geradezu einen Cäsarenwahn en miniature. Die seelische Reaktion der grollenden und neidvollen Majorität auf das Verhalten der Minorität machte sich auf verschiedene Weise Luft – gelegentlich auch in boshaften Witzen. Ein solcher Witz erzählt zum Beispiel: Zwei Häftlinge sprechen miteinander, wobei der eine in bezug auf einen dritten – der eben zu den »Arrivierten« gehört – bemerkt: »Den da hab ich noch gekannt, wie er bloß Präsident des größten Bankhauses von... war; jetzt spielt er sich hier auf den Capo hinaus.«

Wo immer nun diese Majorität der Deklassierten und die Minorität der Arrivierten in einem Konflikt zusammenstoßen



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